Wenn das Katzenleid plötzlich auch vor der Haustür sichtbar wird

Von Lästigen und Unsichtbaren

von | 30. Dezember 2022

Wäh­rend mei­ner Ur­lau­be in süd­li­chen Län­dern sind sie mir zu Hauf be­geg­net. Stra­ßen­tie­re. Her­ren­lo­se, teil­wei­se ver­wil­der­te aber auch so­zia­le, men­schen­freund­li­che Hun­de und Kat­zen. Mit her­ren­lo­sen Hun­den be­gann 2011 mei­ne Tier­schutz­tä­tig­keit in der Türkei.

In der Tür­kei le­ben­de Tier­schüt­zer er­zähl­ten mir, dass man je­des Stra­ßen­tier in das ört­li­che Tier­heim brin­gen kön­ne, Dort müs­se es  vom Amts­ve­te­ri­när auf Kos­ten der Ge­mein­de kas­triert wer­den. Das Er­geb­nis war auf den Stra­ßen zu se­hen: Kas­trier­te Hun­de konn­te man an ei­ner Ohr­mar­ke er­ken­nen, kas­trier­te Kat­zen be­ka­men ei­nen Teil der Ohr­spit­ze abgeschnitten.

Hotelgäste

In den Ho­tel­an­la­gen wur­den die Tie­re je nach Ein­stel­lung des Ma­na­gers ent­we­der ver­jagt oder man dul­de­te, dass Tou­ris­ten sie vom Buf­fet fütterten.

Streunerkatzen in der Türkei

Be­son­ders auf­ge­fal­len sind mir die Kat­zen. Es wa­ren schö­ne und ge­pfleg­te Tie­re da­bei, aber auch rich­ti­ge elen­di­ge Krea­tu­ren. Je nach Cha­rak­ter und Er­fah­rung trau­ten sie sich sehr nah her­an oder schau­ten von wei­tem, ob ir­gend­was vom Tisch fiel um es blitz­schnell zu holen.

Außerhalb von Hotelanlagen

Ver­ließ man den Ho­tel­be­reich, dann war Si­tua­ti­on we­ni­ger be­hü­tet. So war es nicht un­ge­wöhn­lich, dass ei­nem ein Ru­del Stra­ßen­hun­de ent­ge­gen­kam. Was tun? Mu­tig wei­ter­ge­hen oder doch bes­ser die Sei­te wechseln?

Streunerkatzen in der TürkeiFreun­de nah­men mich dann mit zu den Fut­ter­stel­len. Teil­wei­se füt­ter­ten sie bis zu 100 Tie­re. Ein Groß­teil da­von war nicht kas­triert, denn dazu fehl­te das Geld.

Theo­re­tisch hät­ten die Ge­mein­den die­ses Tie­re zwar kas­trie­ren müs­sen, aber in der Pra­xis klapp­te das eben nicht. Falls dann doch Fang­ak­tio­nen statt­fan­den, muss­ten die Tie­re oft ge­nug in Kä­fi­gen aus­har­ren, bis eine Kas­tra­ti­on ge­macht wer­den konn­te. Zu­dem wuss­te man nicht, wie gut der Ope­ra­teur ist: Amts­ve­te­ri­nä­re ken­nen sich oft mit Klein­tie­ren nicht so gut aus. Au­ßer­dem gibt es nicht in je­dem Ort ei­nen. Des­halb zahl­ten die Tier­schüt­zer lie­ber selbst für die Kastrationen.

Erfahrungen in Özdere

Streunerkatzen in der TürkeiIm Jahr 2012 war ich bei 4 Fang­ak­tio­nen in Özdere/Izmir da­bei. Der Ort hat um die 20.000 Ein­woh­ner. In ei­ner Wo­che wur­den ca. 50 Hun­de und an die 150 Kat­zen ge­fan­gen und kastriert.

Al­lei­ne auf dem Ge­län­de mei­ner Freun­din wa­ren un­ge­fähr 300 Kat­zen. Min­des­tens ¾ da­von wa­ren rich­tig pe­ne­trant, wenn es ums Fres­sen ging.

Artikel von Ulrike Arnold: Von Lästigen und UnsichtbarenIm Jahr 2014 grün­de­te ich da­her den Ver­ein Tier­hil­fe Tür­kei e. V., in dem es vor­ran­gig um Kas­tra­tio­nen in der Tür­kei ging. Es war ein Fass ohne Bo­den und vor al­len Din­gen ver­bun­den mit dem Ein­druck von un­säg­lich viel Tierleid.

Bei uns vor der Haustür

Weih­nach­ten 2017 las ich in ei­ner Face­book­grup­pe den Bei­trag ei­ner Be­kann­ten. Sie frag­te, wer sich in Aschaf­fen­burg um Streu­ner­kat­zen küm­me­re. Streu­ner­kat­zen in mei­ner Hei­mat­stadt? Das konn­te nicht sein!

Ich hat­te kei­ne Ein­zi­ge ge­se­hen, ob­wohl ich et­was länd­lich woh­ne. Kein Zwei­fel: Das müs­sen die ver­wech­seln, das sind Frei­gän­ger, so dach­te ich damals.

Ziem­lich schnell mel­de­ten sich ei­ni­ge Leu­te, die Streu­ner­ko­lo­nien und Men­schen kann­ten, die dort füt­ter­ten. Als ich dann selbst ei­nen äl­te­ren Herrn sah, der mehr als 30 Kat­zen füt­ter­te, wur­de mir klar, dass et­was ge­tan wer­den muss.

Soll­te es auch hier so aus­ar­ten wie in der Tür­kei? Es muss­te kas­triert werden!

Katzenschutzverordnung

Schnell wur­de mir klar: Wir brau­chen eine Katzen­schutz­ver­ordnung. Ei­ni­ge Mit­bür­ger sa­hen das ge­nau­so und 2018 war un­se­re Streu­ner­hil­fe Aschaf­fen­burg ge­grün­det. Un­se­re vor­ran­gi­gen Zie­le wa­ren, so vie­le Kat­zen wie mög­lich (rechts­si­cher) zu kas­trie­ren und die Men­schen, die sich das Fut­ter oft nur von ih­rer Ren­te ab­ge­knaps­ten, zu unterstützen.

Was wir im Rah­men un­se­rer Ar­beit nun auch vor un­se­rer Haus­tür se­hen muss­ten, war teil­wei­se er­schre­ckend. Uns war es da­her wich­tig, den bis­her ver­bor­ge­nen Tie­ren Sicht­bar­keit zu ver­schaf­fen, denn: Zu häu­fig wird im­mer noch ab­ge­strit­ten, dass es die­se wil­den Kat­zen­grup­pen gibt — bloß, weil sie nicht im Ram­pen­licht le­ben. Ich hat­te ge­lernt: Man muss hin­schau­en und hin­schau­en wollen.

In Aschaf­fen­burg wur­de glück­li­cher­wei­se im No­vem­ber 2022 eine Katzen­schutz­ver­ordnung be­schlos­sen. Nun wird zum ei­nen un­se­re Ar­beit er­leich­tert, es be­steht aber auch eine weit bes­se­re Chan­ce, dass das Kat­zen­leid ver­rin­gert wer­den kann.

Ul­ri­ke Arnold

Vor­sit­zen­de und Grün­de­rin Streu­ner­hil­fe Aschaf­fen­burg e. V.
ehe­mals Tier­hil­fe Tür­kei e. V.

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